Neue Kultur der Menschlichkeit gefordert

Fachvortrag der Evangelischen Sozialstation Straßenhaus stieß auf großes Interesse

Über 30 Personen waren am Montag dieser Woche der Einladung zu einem Vortrags- und Diskussionsabend unter dem Titel „Was ist das Besondere an einer ‚christlichen’ Sozialstation?“ in das Gemeindehaus in Dierdorf gefolgt. Eingeladen hatte die Evangelische Sozialstation Straßenhaus, die im Rahmen einer Jubiläumswoche anlässlich ihres 30-jährigen Bestehens eine Referentin aus dem Diakonischen Werk der Pfalz eingeladen hatte.

Pfegebedürftige werden zum Objekt der Pflegeverrichtung

Die Referentin Solveigh Schneider machte in ihrem Vortrag deutlich, dass Rationierung und Kürzung von Pflegeleistungen den heutigen Pflegealltag prägen. Dies führe in vielen Einrichtungen aus finanziellen Gründen dazu, dass die Zeit für die notwendige Pflege, für mitmenschliche Zuwendung immer stärker beschnitten würde. Pflegebedürftige würden nicht mehr zu einer Person einer Pflegebeziehung, sondern zu einem Objekt der Pflegeverrichtung.

Sie forderte dazu auf, sich diesen „Sachzwängen“ politisch zu widersetzen, um dem Ziel, aus der christlichen Tradition heraus dem pflegebedürftigen Menschen gerecht zu werden, auch in Zukunft entsprechen zu können. Es gälte, eine gute und würdevolle Pflege zu leisten, die sich dem ganzen Menschen zuwendet. Solveigh Schneider warf die Frage in den Raum: „Was tun wir für eine Pflege, die dem Bedürfnis nach Zuwendung, Teilhabe, körperlicher Unversehrtheit, Selbstbestimmung und Selbstachtung Rechnung trägt? Ist sie in diesem System überhaupt noch zu leisten?“

Forderung nach angemessener Bezahlung und Arbeitsbedingungen

Die Referentin wies zudem darauf hin, dass die in der Pflege erforderliche Professionalität und die Anerkennung des Pflegeberufes von der Gesellschaft nicht gesehen würde. Ausdruck dafür sei die vorherrschende Meinung: Pflegen kann jeder. Umso notwendiger sei es, die Pflegekräfte vernünftig zu bezahlen, wenn wir auf lange Sicht hin eine gute Kranken- und Altenpflege gewährleisten wollten. „Es ist bekannt, dass Pflegekräfte keine hohe Entlohnung erhalten“, sagte die Referentin. Ausdrücklich lobte sie die Ev. Sozialstation Straßenhaus, die sich in der Entlohnung der Mitarbeitenden an dem üblichen Tarif orientieren würde. Das sei nicht bei jedem Pflegeanbieter selbstverständlich. Ebenso wichtig wie eine angemessene Bezahlung sei aber im Pflegebereich auch die Gewährleistung guter Arbeitsbedingungen wie auch die Gesundheit der Pflegekräfte selber. „Die Pflege kann es sich nicht leisten, ihre wenigen vorhandenen Mitarbeiter durch ungünstige Strukturen und zu hohe Belastungen kurzfristig oder auf Dauer zu verlieren.“

Ein Unternehmen mit 2000 Jahre Tradition

Mit Blick auf das Besondere einer christlichen Sozialstation führte Frau Schneider aus: „Sie arbeiten mit einem Unternehmen zusammen, welches auf eine über 2000 Jahre alte Tradition zurückblicken kann und welches in jedem der von Ihnen betreuten Orte eine Filiale hat - nämlich die Kirche.“ Über diese Struktur von Seelsorgerinnen und Besuchsdiensten ist es möglich, einen Dienst anzubieten, der über die gesetzlich vorgeschriebenen Leistungen hinaus geht. So sei es auch etwas Besonderes, dass den Mitarbeiterinnen eine so genannte „Diakonische Zeit“ eingeräumt wird, um eine Zuwendung zu den Patienten zu gewährleisten, die über die normale Pflege hinaus geht.

Grundsätzlich sei es wichtig, den Aufbau und die Ablauforganisation einer Pflegeeinrichtung laufend zu verbessern. Dazu gehöre ein systematisches Qualitätsmanagement genauso wie eine leistungsgerechte Bezahlung der im Pflegedienst tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Wurzeln im christlichen Glauben

„Die Wurzeln des diakonischen Handels einer christlichen Sozialstation liegen im christlichen Glauben, in der Zuwendung zum Nächsten, also nicht in der Selbstliebe, sondern in der Nächstenliebe. Wir sind überzeugt: Die Würde eines Menschen liegt nicht in seinen Leistungen oder in seiner Leistungsfähigkeit, sondern in der Beziehung Gottes zu jedem Einzelne.“, so die Referentin gegenüber den aufmerksamen Zuhörern, die im Anschluss an den Vortrag die Möglichkeit zum Nachfragen reichhaltig nutzte und die sich über eine gelungene Auftaktveranstaltung zu Jubiläumswoche der Evangelischen Sozialstation Straßenhaus freuen konnten.

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